pro_vocation: Ein Laptop für jedes Kind dieser Welt
von Erika Hummer
Am 17. November wurde in Tunis der 100-Dollar-Laptop aus der Taufe gehoben. Unter der Schirmherrschaft von Nicholas Negroponte wurde am MIT ein kinderfreundlicher, stromsparender, überall einsetzbarer und grasgrüner (Prototyp) Laptop entwickelt.
Wir waren dabei. Am WSIS – world summit of the information society – 15. bis 19.11.2005 in Tunis. Am Donnerstag gegen Mittag sollte es so weit sein. Der Laptop, am WSIS 2003 in Genf für WSIS 2005 versprochen, wurde offiziell für fertig erklärt. Eine Traube interessierter WSIS-Teilnehmerinnen und -teilnehmer bildete sich um den MIT-Stand, um ein kleines farbiges Mädchen zu beobachten, das begann – was auch immer – auf der Tastatur zu tippen.
Am nächsten Tag erklärte uns Negroponte in einem Vortrag, wie das Gerät funktioniert, warum es so billig ist und wie endlich nun auch in Entwicklungsländern Schüler uneingeschränkten Zugang zu Informationen bekommen können.
In Stichworten:
Das Gerät, das minimalst Strom verbraucht, kann mit Hilfe einer Kurbel aufgeladen werden und ist nicht abhängig von einer Steckdose.
Mehrere Laptops im näheren Umkreis können miteinander per Funk „kommunizieren“. Chat, Mail, Datenaustausch auch ohne Internetzugang sind möglich.
Sobald ein einziges dieser Geräte ins Internet kommt, können auch alle anderen ins Web.
Eine völlig neuartige Technologie (vor allem den Bildschirm betreffend) und vor allem die große zu erwartende Anzahl von Abnehmern können den Preis niedrig halten.
Auf den Geräten ist nur Open-Source-Software installiert (Linux, Firefox, Open Office ...).
Die Sponsoren verlangen nicht, dass ihre Softwareprodukte auf den Laptops eingesetzt oder beworben werden müssen.
Anfängliche Skepsis der Lehrer gegen den Einsatz von Laptops in den Pilotprojektländern hat sich bald gelegt, weil die Kinder
regelmäßiger zur Schule kamen (vielleicht auch nur, um ihre Geräte aus der Schulsteckdose schneller aufzuladen?)
konzentrierter ihre Arbeiten erledigten (mehr Motivation durch einen gewissen „Spaßfaktor“?)
den Unterricht kaum mehr störten.
Ich war vollkommen begeistert. Alle Kinder dieser Welt erhalten freien Zugriff auf Information ... Information ist ein Menschenrecht.
Ist es ein Menschenrecht? Mir geistern jetzt Bilder von Bibeln und Missionaren durch den Kopf. Kleine grüne Bibeln, die hochqualitativen Content bieten.
Natürlich, die Regierungen der Entwicklungsländer sehen eine Chance, dass ihre Bürger nun eigenen Content entwickeln und verbreiten können. Aber wird es den so schnell geben?
Woher kommt der beste Content derzeit? Aus Amerika? Aus Europa? Hat dieser Content irgendetwas mit der Kultur von Entwicklungsländern in Asien oder Afrika zu tun? Kann dieser Content nicht Wünsche und Hoffnungen wecken, die nichts mit dem Umfeld, den Lebensumständen, den Lebensrhythmen und Bedürfnissen in diesen Ländern zu tun haben? Unrealisierbare Wünsche? Erwartungen, die soziale Gefüge aus den Angeln heben können?
Schon heute gibt es in vielen Ländern „Zensur“. Internetseiten werden von Regierungsseite gesperrt (China, Kuba, Irak, Tunesien, ...) Zu Unrecht? Zu Recht? Zum Schutz der Bürger oder zum Schutz der Regierungen?
Werden Illusionen geweckt, die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat bewegen? Menschen, die statt in der „schönen neuen Welt“ an den Stränden von Sizilien angeschwemmt werden oder in den Einwanderervierteln von Paris verzweifelt außer Rand und Band geraten?
Oder wird Zugang zu Information für alle kleinen Betriebe in der Dritten Welt bessere Absatzmärkte bringen, eine bessere medizinische Versorgung, bessere Ausbildungsmöglichkeiten für die Jugend?
Negroponte (Nomen est omen?) baut eine Brücke über den Digital Gap. Was wird es bedeuten, wenn alle über diese Brücke werden schreiten können? Und wohin führt der Weg?
http://laptop.media.mit.edu/
Erika Hummer
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