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KOLUMNE 

Wikipedia und das „Copy & Paste“-Syndrom

Stephan_Waba_1179993992367778.jpgEine pro_vocation von Stephan Waba (stephan@lernado.com)

Vor einigen Wochen stieß ich in einem Weblog auf folgenden Eintrag zum Thema „Wikipedia im Unterricht“:

„Lehrer Lämpel (1980): ‚Nein, Taschenrechner dürft ihr nicht verwenden, sonst verlernt ihr das Rechnen.‘

Lehrer Lämpel (1990, 1999 und 2007): ‚Nein, Wörterbücher im Englisch-Unterricht dürft ihr nicht verwenden, sonst lernt ihr mir ja keine Vokabeln mehr.‘

Lehrer Lämpel (2007): ‚Nein, Wikipedia dürft ihr nicht verwenden. Da kann ja jeder reinschreiben, was er will.‘“

(http://lernenheute.wordpress.com/2007/03/19/wikipedia-im-unterricht/, 19. März 2007)

Auch wenn Lehrer Lämpel hier nicht unbedingt als Sympathieträger rüberkommt, sondern eher als antiquiertes Urgestein, nicht offen für Innovationen – so schließe ich mich dennoch der letzten Aussage an. „Wikipedia dürft ihr für Referate, Portfolios oder andere schriftliche Arbeiten nicht verwenden, liebe Schülerinnen und Schüler.“ Allerdings nicht, weil dort jeder und jede hineinschreiben kann, was er oder sie will, sondern, weil ich gerne individuelle Texte von meinen Schülerinnen und Schülern hätte und nicht einen Einheitsbrei, der bei allen gleich aussieht.

Zunächst eine kleine Anekdote zum immer wieder angezweifelten Wahrheitsgehalt bzw. der Aktualität von Wikipedia-Artikeln. An die Schule, an der ich unterrichte, ging einst auch Elfriede Jelinek. Also dachte ich, dass sich ein Link auf unsere Homepage beim entsprechenden Wikipedia-Eintrag gut machen würde und setzte ihn auch prompt mitten in ihren Lebenslauf – dorthin, wo unsere Schule namentlich erwähnt wird. Das war allerdings ein Fauxpas, denn Links dürfen in Wikipedia-Artikeln ausschließlich in der Linkliste unterhalb des Artikels vorkommen und nicht mittendrin. So überlebte mein Eintrag genau fünfeinhalb Minuten, bis ein eifriger Wikipedianer bzw. eine eifrige Wikipedianerin wieder Ordnung in die Sache brachte und den Link entfernte.

Ich erkannte meinen Fehltritt, aber mein Interesse war geweckt: Wie aktuell ist die Wikipedia wirklich? Wie lange würde mein Fehltritt unbemerkt bleiben? Ich setzte also den falschen Link noch weitere drei Male und es dauerte längstens zehn Minuten, bis er wieder entfernt wurde. Wenn also bei einem vergleichsweise unwesentlichen Eintrag über Elfriede Jelinek so schnell Fehler korrigiert werden, sind an aktuellen und zentralen Themen wohl andauernd Heerscharen von Autorinnen und Autoren beschäftigt und Fehler bleiben nicht lange unbemerkt. Außerdem: Wikipedia veröffentlichte die Namen der kürzlich bei der Fernsehshow „Dancing Stars“ ausgeschiedenen Kandidatinnen und Kandidaten bereits wenige Augenblicke nach der Entscheidung und war damit jeder ORF-Homepage haushoch überlegen.

Ich finde die Wikipedia also prinzipiell nützlich und bin davon überzeugt, dass sie sehr brauchbare Erstinformationen für eine unglaubliche Breite an Themenbereichen liefert. Das allerdings ist auch der Grund dafür, warum ich sie für meine Schülerinnen und Schüler als Recherchewerkzeug aus dem Unterricht verbanne. Denn die Wikipedia macht es ihnen so leicht, sich mit fremden Federn zu schmücken bzw. Plagiate zu begehen. Was früher Referatesammlungen im Netz waren, das ist heute die Wikipedia.

Referateseiten sind unattraktiv geworden, da sie meist gebührenpflichtig sind und die Suche nach genau dem passenden Text für das eigene Referat oder das eigene Portfolio vergleichsweise mühevoll ist – „Da kann ich es ja gleich selbst schreiben!“ Auf der Wikipedia hingegen findet man in Windeseile ausführliche Darstellungen nebst Diagrammen oder Abbildungen zum gewünschten Thema, und das noch vollkommen kostenlos! Kein Wunder, dass hier Schülerinnen und Schüler versucht sind, sich die Arbeit etwas zu erleichtern und zu kopieren, was das Zeug hält. Allerdings sind die so produzierten Referate und Arbeiten dann sprachlich oft ziemlich unglaubwürdig und eindeutig als Wikipedia-Text erkennbar, auch wenn zur Abwechslung einmal nicht gerade darauf vergessen wurde, die Fülle an internen Links zu entfernen … :)

Einen Wikipedia-Text zu kopieren und ihn als eigenes Referat oder andere schriftliche Arbeit abzugeben, bringt für die Schülerinnen und Schüler keinerlei Lerneffekt. Es wird formell eine Aufgabe des Lehrers oder der Lehrerin erfüllt, aber nützlich für die Schülerinnen und Schüler ist dies nicht. Nicht einmal die oft beschworene Fertigkeit „Recherchieren im Internet“ wird mit dem Copy & Paste trainiert, denn in der Wikipedia nachschlagen kann nun wirklich jedes Kind.

Angebote wie die Wikipedia haben die Art und Weise, wie wir uns Informationen beschaffen und mit diesen umgehen, revolutioniert. Endlich reichen ein paar Mausklicks und die Eingabe weniger Stichwörter, um schnell an gewisse Basisinformationen zu einem Thema zu kommen, und es bleibt einem das zeitraubende Nachschlagen in „richtigen“ Lexika erspart. Mit einem mobilen Internetzugang und entsprechend gutem Empfang kann ich auch mitten im Wald die sozialhistorische Bedeutung der kubanischen Musik erörtern. Genau diese ständige Verfügbarkeit von brauchbaren Informationen aber macht meiner Meinung nach einerseits traditionelle Herangehensweisen wie übliche Referate oder Aufsätze obsolet und verlangt andererseits nach neuen Lernzielen und Kompetenzen.

Denn in Wahrheit ist das gründliche Recherchieren im Vergleich zum Buch natürlich nicht einfacher geworden, sondern sogar noch schwieriger. Die Wikipedia ist zwar nicht die einzige Informationsquelle im Netz, aber trotzdem sind viele Menschen (große und kleine) bereit, den Artikeln des Onlinelexikons uneingeschränkt Glauben zu schenken – so wie in den Anfängen des Fernsehens ernsthaft geglaubt wurde, es sei alles wahr, was über die bunten Bilder in die Haushalte der Menschen gelangte. In der heutigen Informationsflut des Internets wollen aber relevante Dinge erst einmal von irrelevanten unterschieden werden. In anderen Worten: Wir werden Schülerinnen und Schüler nur so dazu bringen, uns wieder eigene Produkte zu liefern statt kopiertem Einheitsbrei, wenn wir mit unseren Aufgabenstellungen den neuen Technologien Rechnung tragen und Arbeitsaufträge stellen, die durch bloßes Kopieren wahlloser Textstellen nicht lösbar sind.

Einen Ansatz in diese Richtung verfolge ich in diesem Schuljahr mit meiner Referateserie „Work in Progress“. Meine Prämisse ist, dass mich tatsächliche Informationen im Rahmen der Referate eher weniger interessieren – denn die kann ich mir etwa über Wikipedia jederzeit selbst beschaffen, wie jeder Schüler und jede Schülerin auch. Hingegen mache ich die Fertigkeit des Recherchierens selbst zum Thema der Präsentationen. Die Aufgabe der Schülerinnen und Schüler ist nämlich, sich zu einem Thema Informationen aus unterschiedlichsten Quellen (Internetseiten, Bücher, Fernsehen oder Zeitschriften) zu besorgen und ihre Vorgehensweise beim Recherchieren zu beschreiben:

  • Wie und wo habe ich brauchbare Informationen gefunden?
  • Welche der von mir verwendeten Quellen waren brauchbar und von welchen war ich enttäuscht?
  • Was ist mir leichter gefallen und was war besonders schwierig?

Die Erfahrungen sind durch Overheadfolien oder etwa eine Powerpoint-Präsentation zu belegen, sodass die ganze Klasse während des Referats sozusagen „mitrecherchieren“ kann. Das Handout, das die Klasse von den referierenden Schülerinnen und Schülern erhält, soll übrigens in Form einer Mindmap gestaltet sein und anhand von ausgewählten, konkreten Inhalten illustrieren, welche verwendeten Quellen gut und welche weniger gut geeignet waren, um das Thema zu bearbeiten. Um die Sache noch etwas spannender zu machen, habe ich übrigens fixe Fragestellungen vorgegeben. Die Beliebigkeit der Themenstellungen unterstreicht einmal mehr, dass es mir nicht um das Thema an sich geht, sondern darum, wie die Schülerinnen und Schüler ihre Informationen zusammentragen. Die fachlichen Informationen sind immer nur Mittel zum Zweck, um den Rechercheprozess abzubilden:

  • „Was passierte mit Shakespeares Kindern?“
  • „Welcher Nahrungsmittelkonzern wurde von Harlan Sanders gegründet?“
  • „Woran muss man denken, bevor man nach China reist?“

Eine Arbeit nach oben stehendem Muster hat für mich einen ungeheuren Lerneffekt in methodischer Hinsicht, natürlich nicht unbedingt in fachlicher. Aber Hand aufs Herz – werden dahindösende Schülerinnen und Schüler mit einem „ernsthaften“ Referat zum Beispiel über einen Roman oder die Geschichte der Europäischen Union wirklich nachhaltig fachlich gebildet? Da erscheint es mir nützlicher, über die Methodik des Recherchierens zu reflektieren, damit die Schülerinnen und Schüler Werkzeuge in die Hand bekommen, selbst problemlos die gewünschte Information zu finden, wenn sie diese einmal benötigen sollten. In diesem Sinne fördert „Work in Progress“ …

  • selbst Erfahrungen mit dem Recherchieren im Internet oder der Schulbibliothek zu machen,
  • die Reflexion und das Bewusstmachen der eigenen Vorgehensweise,
  • das Lernen von der Erfahrung und von den Ideen anderer (Suchtechniken oder Internetressourcen),
  • das schrittweise Entstehen einer Vorstellung, was eine gute Quelle für ein Referat oder eine schriftliche Arbeit ausmachen könnte,
  • das schrittweise Wachsen eines Kriterienkatalogs zur Auswahl von geeigneten Quellen und
  • schließlich endlich wieder das Verfassen einer eigenen Arbeit fern von Copy & Paste.

Für weitere Informationen zu „Work in Progress“ und downloadbare Kopiervorlagen für Themen und Kriterien der Beurteilung solcher Referate besuchen Sie doch meine Homepage:
http://www.lernado.com/2007/03/15/work-in-progress/.

Abgesehen von E-Learning-Projekten, wo es um vollkommen andere Dinge geht und sicher mit viel Gewinn mit und an der Wikipedia oder einem ähnlichen Vorhaben gearbeitet werden kann, werde ich das Onlinelexikon aus dem „normalen Unterricht“ wohl weiterhin verbannen. Das Vermitteln einer wissenschaftlichen Arbeitsweise und die bequemen, vorgefertigten Lexikontexte der Wikipedia widersprechen einander, denn Gelegenheit macht bekanntlich Plagiatorinnen und Plagiatoren. Und früher hat man ja für Arbeitsaufträge auch nicht Wort für Wort Brockhaus-Artikel abgeschrieben, oder etwa doch? ;)

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