Wiki in der Schule: auf dem Weg zu einer neuen Lernkultur?
(oder: Wie wir trotz Wikipedia nicht einer Copy&Paste-Generation Vorschub leisten ...)
Eine pro_vocation von Klaus Himpsl
E-Learning ist in vielen Schulen Österreichs mittlerweile ein unverzichtbarer Bestandteil. Schon allein die nackten Infrastruktur-Zahlen zeichnen ein positives Bild: hohe Computerdurchdringung, annähernd 600 Notebookklassen in über 170 Schulen, etwa 13.000 Schüler/innen, die mehr oder weniger regelmäßig ihren Laptop im Unterricht verwenden. Die erfolgreichen Projekte eLC und eLSA sowie die Angebote von e-LISA academy haben dabei einen nicht unwesentlichen Anteil.
Eine grundlegende Frage, die sich dabei allen beteiligten Kollegen und Kolleginnen immer wieder stellt: Wie kann das unglaublich vielfältige Angebot des World Wide Web sinnvoll in einen Unterricht integriert werden, dessen wesentliche Lehr-/Lernprozesse nach wie vor in Präsenz ablaufen? Wie dämmen wir die "Lost in Hyperspace"-Gefahr ein? Warum sollen wir Onlineplattformen nutzen, wenn wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen?
Eine bewährte Methode quer durch alle Gegenstände ist der Webquest: eine angeleitete Internetrecherche mit einer komplexen Aufgabe für die ganze Klasse, die kooperativ erledigt wird, mit genauen Angaben zum zeitlichen Ablauf, der Aufgabenteilung, zu den Lernzielen sowie zu den Bewertungskriterien. Je nach Altersstufe ist darüber hinaus eine mehr oder weniger große Vorauswahl von Internetadressen zu treffen, damit insbesondere jüngere Schüler/innen sich beim Start der Suche nicht gleich im Cyberspace verlieren.
Bei den ersten Gehversuchen mit dieser beliebten Methode stellt sich trotz sorgfältigster Vorbereitung leider allzu schnell Ernüchterung ein: Die nach dem Abgabetermin betrachteten Ergebnisse sind oft ein Graus! Die Gliederung wird unreflektiert vom entsprechenden Wikipedia-Artikel übernommen, der Bezug zur eigentlichen Aufgabenstellung ist kaum sichtbar, die einzelnen Textblöcke des "Aufsatzes" sind lose aneinandergereiht, der rote Faden fehlt völlig, viele Bestandteile lassen schon bei kurzem Drüberlesen schlimme Ahnungen aufkommen: Der erste Absatz wurde von der Webseite xy per Copy&Paste eingefügt, fachlich richtig zwar, aber in einer Sprache, dass ich selbst als Lehrer zweimal lesen muss, um alles zu verstehen, der zweite Absatz von der Seite yz drangeklebt, in kaum leserlichem Deutsch, gespickt mit Fehlern. Eine kurze "eigene Internetrecherche" mit Eingabe einer Phrase in Anführungszeichen fördert sofort die wahren Urheber/innen zutage: im ersten Fall eine Diplomarbeit, die an einer FH veröffentlicht wurde, im zweiten Fall ein Plagiat von www.referate.de, das wahrscheinlich schon zum siebzehnten Mal durch den literarischen Fleischwolf gedreht wurde (schon allein deren Werbeslogan spricht Bände: "Mit referate.de zur Recherche haben sich meine Noten stark verbessert!" --- Fragt sich nur, wie!! ---). Nun, als wohlwollender Pädagoge gebe ich der Schülerin Sabine eine zweite Chance und frage neugierig nach, was sie mir denn über das Thema dieses Absatzes erzählen kann. "Das weiß ich doch nicht, das war dem Erwin sein Teil!"
Was tun? Gleich wieder aufgeben? Zurück zur Steinzeit? Aufsätze und Referate nur mit Papier und Bleistift und drei Büchern aus der Schulbibliothek? Oder, etwas gemäßigter: Wir lassen zwar Notebook und Internet zu, drohen dafür aber mit dem Rohrstock à la Bernhard Bueb? "Wehe, wenn ihr mir einen Satz über die Zwischenablage kopiert: Dann ist die ganze Arbeit 'Nicht genügend'!"
Der Königs-/Königinnenweg ist tatsächlich ein steiniger – aber vorwärtsgerichtet und lohnenswert! Wie so oft sind für uns Pädagoginnen/Pädagogen Geduld, Empathie und Beharrlichkeit unerlässlich, damit unsere Kinder die "richtigen" Medienkompetenzen verinnerlichen können. Und doch geben uns die neuen Technologien selbst die Werkzeuge in die Hand, die uns bei der täglichen Bewusstseinsschaffung unterstützen: die kostenlose Software MediaWiki zum Beispiel! Als kollaborative Lernplattform eingesetzt, ist die Organisation eines Webquests oder die Koordination von Referaten in wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel! Die Strukturen in diesem "kleinen Klassen-Lexikon" entstehen tatsächlich von unten nach oben, Sie als Lehrer/in sehen jeden Text schrittweise wachsen und können schon in der Entstehung lenkend eingreifen. Die Aufteilung von einzelnen Wiki-Artikeln in getrennt editierbare Absätze ermöglicht selbst bei Aufgabenteilung immer noch, die Beiträge der anderen Gruppenmitglieder zu beachten, Zusammenhänge herzustellen, vielleicht die gewählte Gliederung schnell wieder über Bord zu werfen und neue Überschriften festzulegen, zu groß gewordene Textteile auf neue Seiten auszulagern. Die Autoren/Autorinnen eines Artikels treten zuallererst als Team auf – und doch bleiben die einzelnen Beiträge nachvollziehbar.
Wie oft hören wir, "die Lernprozesse müssen mehr Beachtung finden, nicht nur die Ergebnisse!" Beim Arbeiten mit einem Wiki ist die Maxime "Der Weg ist das Ziel" tatsächlich keine leere Floskel, sondern wesentlicher Bestandteil der Unterrichtsphilosophie. Was nicht bedeutet, dass die Ergebnisse nichts wert und nicht vorzeigbar wären, im Gegenteil: Ist das Schul-Wiki oder Klassen-Wiki "offen" und über die Schulhomepage für Freunde und Verwandte leicht auffindbar, so steigt die Motivation der Schüler/innen sofort immens!
Und im Idealfall können zu Spezialthemen sogar direkt Beiträge in die Wikipedia übernommen werden – oder im Falle eines englischsprachigen Unterrichts zumindest in die "Simple English Edition der Wikipedia" (http://simple.wikipedia.org).
Das offene Klassen-Wiki bietet noch einen Vorteil: Copy&Paste-Aktionen können in vielen Fällen Urheber/innenrechtsverletzungen (hmm – ist dieses Wort nun korrekt geschrieben?) nach sich ziehen! Was zunächst riskant erscheinen mag und viel Nachprüfen vonseiten der Lehrer/innen verlangt (was sicher beim Starten der Wikiarbeit auch so ist!), entpuppt sich beim kontinuierlichen Arbeiten als Volltreffer, denn: Warum sollte ich mir bei einem Wordfile, das nur ich, mein Lehrer/meine Lehrerin und meine Klasse als Ausdruck bekommen, ernsthaft über Urheber/innenrechte Gedanken machen? Mit der entsprechenden Aufklärung und Anleitung können wir unseren Schülerinnen und Schülern ruhig zutrauen, sich immer wieder der Regeln zu erinnern und in einer offenen Plattform zu arbeiten. Als zwei Beispiele seien hier ein Comeniusprojekt der HTL Dornbirn (http://interteach.htldornbirn.vol.at) und ein Spanischprojekt der BHAK Gänserndorf (http://gratis-wiki.com/colewiki) genannt.

Und das Arbeiten mit Wiki bietet noch viele weitere Vorteile. Aus lerntheoretischer Sicht ist es sehr leicht möglich, konstruktivistisch orientierte Unterrichtsszenarien umzusetzen, die nach wie vor beim formalen Lernen wesentlich zu kurz kommen. Darüber hinaus fördert das Wiki in idealer Weise die Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts, wie sie z.B. von der OECD im Rahmen des DeSeCo-Projektes beschrieben werden und den PISA-Studien zugrunde liegen. Der überwiegende Teil der von der DeSeCo aufgelisteten Fertigkeiten in allen drei Feldern lässt sich bei einem gut geplanten, reflektierten Wiki-Einsatz nachhaltig fördern, insbesondere natürlich, wenn ein Lehrer/innenteam gleich in mehreren Fächern damit arbeitet.
Gehen Sie mit Ihrer Klasse das Wiki-Risiko ein – es lohnt sich in jedem Fall!
Weitere Informationen zum Einsatz von Wiki in der Schule finden Sie hier: http://himpsl.htldornbirn.vol.at/wiki/index.php/Master_Thesis .
Möglichkeiten, kostenlos ein Wiki zu führen, gibt es mittlerweile zahlreich im Netz, z.B. hier: http://www.gratis-wiki.com.
Mag. Klaus Himpsl, MSc
Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien Donau-Universität Krems
PS: Haben Sie schon entdeckt, welchen Satz ich per Copy&Paste eingefügt habe?
;-)
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