Denn Kinder sollen nicht bereits mit 6 Jahren pendeln müssen ...
BSI RegR Mag. Peter Friedle im Interview über die pädagogischen und sozio-kulturellen Funktionen von Kleinschulen, über E-Learning im VS-Bereich und über die Chancen, die das Internet vor allem in ländlichen Regionen bietet.
Mag. Angela Kohl: Herr Inspektor, der Bezirk Reutte ist einer der Bezirke mit den meisten Kleinschulen in Tirol. Wie sieht die historische Entwicklung aus? Welche Funktionen hat eine Kleinschule in einer Gemeinde?
BSI RegR Mag. Peter Friedle: Nach dem Krieg in den 40er 50er Jahren gab es 60 Kleinschulen im Bezirk. Diese sind aber sukzessive reduziert worden. Derzeit haben wir 19 einklassige Volksschulen, die zwischen 3 und 21 Kinder haben. Bei 22 Kindern wird in Tirol eine Klasse geteilt. Bei den einklassigen Kleinschulen ist immer die Gefahr da – vor allem, wenn in einer Gemeinde mehrere solcher Kleinschulen sind –, dass Schulen geschlossen werden. Es ist zu befürchten, dass auch im kommenden Jahr Kleinschulen zusammengelegt werden, aber nur innerhalb einer Gemeinde. Und hier komme ich schon zu den wichtigen Funktionen einer Kleinschule in einer Gemeinde. Das Feiern von Festen, eigentlich der ganze Jahresablauf wird durch die Schule und durch die Kinder gestaltet und unterstützt. Damit ist auch später eine Bindung der Kinder an die Gemeinde gegeben. Und das möchte ich weiterhin fördern.
In dem Schulgebäude der VS Zöblen sind auch die Gemeinde, die Feuerwehr, der Bauhof, Wohnungen und der Proberaum der Musikkapelle untergebracht. Ist das ein klassischer Fall, dass sich die Schule ein Haus mit anderen Einrichtungen teilt?
Nein, da gibt es nur wenige Fälle. Natürlich ist es zu bevorzugen, dass die Schule ein eigenes Schulgebäude hat, weil dann weniger Störungen gegeben sind und die Schule ein bisschen mehr Eigenleben haben kann, aber wir können uns das leider nicht aussuchen, weil wir viele relativ finanzschwache Gemeinden haben.

Mag. Friedle auf Besuch in der VS Zöblen
Warum ist es so wichtig, dass jede Gemeinde eine eigene Schule hat?
Ich bin nicht dafür, dass die Kinder schon mit 6 Jahren zu Pendlern degradiert werden. Ich glaube, dadurch, dass sie im Dorf integriert sind, können sie das Gemeindeleben mittragen und sind Teil der Gemeinde. Vom Pädagogischen her finde ich vor allem das Helfersystem an Kleinschulen gut, denn Kinder können von Kindern Dinge anders annehmen als von Erwachsenen. Auch die Redundanz, Gelerntes immer wieder zu hören, ist unbedingt von Vorteil. Zum Beispiel in der Grundstufe 1 ist der Übergang viel fließender. Kinder müssen nicht abgestuft werden, sondern man kann zuwarten und jedem Kind die Entwicklung zugestehen, die es braucht.
Welche Rahmenbedingungen gibt es für einklassige Volksschulen?
Es hat jedes Bundesland in Österreich eine eigene Regelung. Tirol ist in diesem Bereich sehr großzügig. Bei 15 Schülern wird in Deutsch und Mathematik schon geteilt, da ist dann für 11 Stunden ein zweiter Lehrer da. Ansonsten haben wir im Bezirk wenig Spielraum, es sind ein paar wenige unverbindliche Übungen möglich. Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache haben die Möglichkeit, besondere Sprachförderung zu erhalten. Ein Angebot, das wir Kleinstschulen gemacht haben, ist die Stundenreduzierung für die Kinder. 90 Stunden innerhalb von vier Jahren können auf 88 Stunden reduziert werden. Der Lehrer hat dadurch die Möglichkeit, diese beiden Stunden mit den Kindern im Rahmen von Projekten oder Begabungsförderung zu verbringen.
Werden die Lehrkräfte an Kleinschulen besonders gefördert? Sie haben ja sehr viele Funktionen inne?
Grundsätzlich gibt es für die Kleinschulen eine eigene Lehrerarbeitsgemeinschaft. Und auch für die Volksschulen gibt es eigene Lehrerarbeitsgemeinschaften, zum Beispiel die LAG für Informationstechnologie für Volksschulen, die Monika Bilgeri leitet. Dort kann man sich im Bereich IT schulen lassen.
Der Austausch und die Vernetzung von Lehrkräften an Kleinschulen ist also gegeben?
Er wäre gegeben, wenn er angenommen würde von allen. Die Strukturen sind da. Unsere Volksschullehrer sind sehr engagiert und sie absolvieren weit mehr als die 15 geforderten Stunden Fortbildung. Es gibt eine sehr positive Einstellung. Noch eine Institution, die mir einfällt, ist die Lehrerlernwerkstatt in Reutte, an die sich Lehrer mit Problemen wenden können. Man kann sich dort aber auch selber einbringen, wenn man Materialien erstellt hat oder Unterlagen zur Verfügung stellen möchte.
Wir müssen einfach schauen, dass der Austausch da ist. Eine Gefahr ist nämlich die Vereinsamung der Lehrer an Kleinschulen. Es haben sich aber auch informell kleine Zusammenschlüsse zwischen Schulen gebildet. Schulen machen sehr viel gemeinsam, damit weder bei den Kindern noch bei den Lehrer die Vereinsamung da ist. Man ist zwar auch einsam, wenn man vor dem PC sitzt, aber dort gibt es ja auch verschiedene Foren oder Ähnliches, wo man sich austauschen kann.
Wo sehen Sie die Einsatzmöglichkeiten von E-Learning im Unterricht?
Ich glaube, gerade im ländlichen Bereich ist das die große Chance, Zugriff zum World Wide Web zu haben. Einsatz im Unterricht – Sie haben ja vorhin im Unterricht selber gesehen, wie die Kinder die PCs verwenden. Ich bin ein Befürworter von Computern im Unterricht und hab mich auch dafür stark gemacht, dass alle Schulen ausgestattet und vernetzt werden. Das soll natürlich aber nicht heißen, dass die Schüler nur am PC arbeiten sollen. Der PC ist jedoch ein ganz wichtiges Mittel, um lernen zu können, um üben zu können, sich neue Informationen aus dem Internet zu beschaffen. Ich finde den Computer wirklich unentbehrlich.
E-Learning: Vor allem in ländlichen
Regionen eine große ChanceVD Dipl.-Päd. Monika Bilgeri ergänzt: Es gibt aber auch Tage, an denen wir die Computer gar nicht einschalten. Der PC ist einfach ein Unterrichtsmittel neben anderen.
BSI RegR Mag. Friedle: Ich wäre natürlich froh, wenn alle Lehrer damit arbeiten würden. Es soll Kollegen geben, ganz versteckt irgendwo, die nach wie vor Bedenken haben, mit dem Gerät zu arbeiten. Es gibt Leute, die sagen: „Das tu’ ich mir jetzt nicht mehr an!“ Manche Lehrer in meinem Alter haben Bedenken, dass wenn sie etwas falsch machen, der Rauch aufgeht, dass etwas nicht funktioniert.
Bilgeri: Es ist aber auch als Lehrer die Angst vor dem Rollenwechsel da. Als Lehrer ist man immer derjenige, der viel weiß, alles bestimmt nicht. Und beim PC wissen die Kinder mitunter mehr.
Friedle: Und das ist die große Chance, dass Lehrer einmal von den Kindern lernen. Viele Lehrer haben Hemmungen, manchmal zugestehen zu müssen, dass sie etwas nicht können. Es ist ihnen auch peinlich, wenn etwas zu lange dauert. Eine Zeitlang haben wir Computer-Fortbildungen angeboten. Nach einiger Zeit wurden die Fortbildungen jedoch nicht mehr besucht und man hatte das Gefühl, jetzt dürfte der Bedarf gesättigt sein. Das hat aber nicht gestimmt, es sind parallel Fortbildungen angeboten worden einer Lehrervereinigung, dem KTLV (Katholischer Tiroler Lehrerverband), daran konnten die Lehrer anonym teilnehmen. Diese Veranstaltungen waren überlaufen. Es wollte niemand nach außen hin zugeben, er macht den Kurs. In der Anonymität haben sich die Lehrer wohl gefühlt. Die Lehrer sind dann aber zu weiterführenden Fortbildungen gekommen, sobald sie die Grundkenntnisse beherrscht haben.
Ich finde, im VS-Bereich funktioniert der Einsatz des Computers im Unterricht bereits recht gut, anders ist es in der Hauptschule. Dort muss man das aber auch fächerbezogen sehen. An Hauptschulen stehen die Geräte in einem eigenen Raum und man muss sich in eine Liste eintragen, wenn man sie verwenden möchte. Da ist es einfacher, wenn – wie in manchen Volksschulen – die Geräte in der Klasse stehen. Es ist aber oft auch eine Platzfrage und eine Lärmfrage. Weil, wenn alle fünf PCs laufen, dann ist es sehr laut.
Wie sieht die Vernetzung von Kleinschulen in der Praxis aus?
Es gibt zum Beispiel schulübergreifende Projekte, gemeinsame Aktionen wie eine Innsbruck-Fahrt – schon allein wegen der Gruppentarife –, ein gemeinsames Filmprojekt, Sporttage, usw. Aber das ist natürlich auch nur zu bestimmten Jahreszeiten möglich, vor allem im Herbst und im Frühjahr.
Was sind Ihre Wünsche für die LAG für Kleinschulen?
In erster Linie, dass wir die Kleinschulen erhalten können und dass wir in jeder Gemeinde die Kleinschule unterstützen können. Meine Wünsche wären natürlich auch zusätzliche Ressourcen für die Kleinschulen, dass die Schulen alle mit guten Geräten ausgestattet werden und auch alle einen IT Betreuer haben können.
(koa)
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