Buchbesprechung: Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens.
Rechnen, Schreiben, Lesen und „Googeln“? Das Suchen und Finden von Informationen im Internet hat sich in den letzten Jahren zu einer neuen Kulturtechnik entwickelt. Selbst der Duden führt in seiner 23. Ausgabe das Substantiv „Google“ und das davon abgeleitete Verb „googeln“ an. Nur sehr selten kommt es vor, dass ein Verb aus einem Markennamen abgeleitet wird, es sei denn, es handelt sich um etwas wirklich Elementares, und das dürfte hier tatsächlich der Fall sein ...
Googles Mission, die Informationen der Welt zu organisieren und zugänglich zu machen, hat maßgeblich zum Umgang unserer Gesellschaft mit (nicht nur) digitalem Wissen beigetragen.
Das Buch „Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens“ beschäftigt sich aber keineswegs ausschließlich mit technischen und konzeptionellen Aspekten von Suchmaschinen. Hauptthema ist vielmehr der Umgang unserer Gesellschaft mit der zentralen Ressource Wissen.
Die globale Vernetzung macht es möglich: Informationen können in Echtzeit von jedem Teil der Erde gesendet und empfangen werden. Abseits der Massenmedien hat nun plötzlich so gut wie jeder die Möglichkeit, mit Hilfe von Kommunikationsplattformen wie Foren, Weblogs, Chatrooms usw. individuell über verschiedene Sachverhalte zu berichten, Beiträge zu kommentieren und Stellung zu nehmen, schlichtweg ohne redaktionellen Filter Informationen weiterzugeben. Eine riesige Informationsflut, die tagtäglich über uns hereinbricht und die es in Zaum zu halten gilt.
Ganz schön provokativ erscheint einem anfänglich die Behauptung Nina Degeles, dass es heutzutage wichtig geworden sei, die Fähigkeiten zu beherrschen „Kommunikation abzuwehren“ und „Information zu vermeiden“ (Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens, S. 63). In Anbetracht der Spam-Mails, die uns täglich erreichen, der Werbeeinschaltungen, denen wir auf so gut wie jeder Website begegnen, und den Unmengen an digitaler Information, die wir selber tagtäglich produzieren – man denke nur an E-Mails, SMS, digitale Fotos, Chat, Instant-Messaging-Beiträge etc. – stimmt man Frau Degele aber kopfnickend zu. Ist man sich ehrlich, produziert tatsächlich so gut wie jeder von uns eine ganz schöne Menge an „Wegwerf-Kommunikation und -Information“.
Informationen zu filtern und zu erkennen, welche Beiträge relevant und welche unbedeutend sind, will gelernt sein. Die Vermutung, dass unsere Kinder in Zukunft in der Schule Schreiben, Lesen, Rechnen und „Googeln“ lernen werden, liegt nahe.
Denn Google sieht sich in erster Linie als Finde-, nicht als Suchmaschine, quasi als zentralen Marktplatz der digitalen Wissenswelt. Und auf diesem Marktplatz wird natürlich mitunter ein wenig gefeilscht und manipuliert, auch wenn die ursprüngliche Idee hinter dem PageRank-Algorithmus, den Google verwendet, eine sehr demokratische ist. Das PageRank-System basiert darauf, Websites nach der Anzahl der auf sie verweisenden Links zu reihen: Je mehr Links auf eine Seite verweisen, umso wichtiger ist sie vermeintlich. Die Wichtigkeit einer Seite sagt jedoch leider nur wenig über deren Qualität aus. „Wer hat, dem wird gegeben“ – und kleinere Seiten haben gegen Seiten großer Anbieter bei diesem Prinzip keine Chance. Die Suchmaschine Google fungiert auf eine gewisse Art und Weise auch als Realitäts- bzw. Machtmaschine, vor allem, wenn man wie die meisten Internet-Nutzerinnen und -Nutzer ausschließlich mit Google nach Informationen sucht. Aber auch wenn es derzeit so aussieht, hat die einstmalige Garagenfirma Google den Erfolg nicht gepachtet, sind ihr die Hauptkonkurrenten Yahoo! und MSN zumindest am amerikanischen Markt bereits dicht auf den Fersen. Deshalb setzt Google derzeit vor allem auf Kundenbindung durch viele neue Produkte wie die Google Desktop-Suche, die Google Toolbar, Google Earth, Google Picasa oder den E-Mail-Dienst Gmail, um nur einige zu nennen. Wie es mit Google weitergehen wird, ob möglicherweise schon bald eine neue Suchtechnologie den Mark revolutionieren wird, weiß man nicht so genau. Eines ist sicher: Google ist und bleibt gewiss noch für eine ganze Weile einer der „Big Player“ auf dem Informationsmarkt.
Informationsmarkt? – Wissen ist nicht unbedingt immer gratis. Wie wird mit der Ware Information ökonomisch umgegangen, welche Rolle spielt beispielsweise das Copyright und welche Rechte hat der einzelne Bürger in der Google-Gesellschaft? Wer wird in Zukunft über den Umgang mit Wissen, Copyright und Zensur entscheiden? Wie nützen politische Parteien die neuen Kommunikations- und Informationskanäle? Welches Potenzial birgt das Internet im Bereich Wissenschaft und Lehre?
Die Autorinnen und Autoren von „Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens“ werfen Fragen auf, die teils unbeantwortet bleiben. Die Leserinnen und Leser sind dazu eingeladen, auf der Website zum Buch, www.google-gesellschaft.de, ihre Meinung zu äußern und die Anthologie mit Beiträgen im Weblog zu ergänzen.
Der mehr als 50 Beiträge umfassende Band, herausgegeben von Kai Lehmann und Michael Schetsche, beleuchtet neben dem Phänomen Google die verschiedenen Dimensionen unserer internetbasierten Wissensgesellschaft.
Die vielen unterschiedlichen Sichtweisen der Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Praxis und Journalismus und deren abwechslungsreiche, wenn auch zum Teil etwas redundante Artikel ergeben eine umfangreiche aktuelle Bestandsaufnahme der Dimensionen unserer internetbasierten Wissensgesellschaft.
Wie Andreas Holzinger (Uni Graz) in seiner Rezension auf amazon.de schreibt, wird mit den Begriffen „Wissen" und „Information“ im Buch zum Teil etwas schwammig umgegangen. Er empfiehlt, den Unterschied zwischen Daten, Information und Wissen und die Prozesse des menschlichen Lernens zur (menschlichen) Wissensorganisation bei der Lektüre dieses Buches auf jeden Fall zu berücksichtigen.
Alles in allem ist „Die Google-Gesellschaft“ ein empfehlenswertes Werk, in dem – wage ich zu behaupten – für jeden Internet- und Gesellschaftsinteressierten etwas Spannendes enthalten ist.
(koa)
Kai Lehmann, Michael Schetsche (Hg.): Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens. Transcript Verlag, Bielefeld 2005
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