Unterricht 2.0 ...? Über Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes von Social Software im Unterricht.
Ein Interview mit Univ.-Prof. Dr. Peter Baumgartner
Univ.-Prof. Dr. Peter Baumgartner ist Universitätsprofessor für Technologieunterstütztes Lernen und Multimedia sowie Leiter des Departments für Interaktive Medien und Bildungstechnologien an der Donau Universität Krems. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist das Thema Web 2.0 und Social Software. Was man unter diesen Begriffen genau versteht und in wie fern sich die Nutzung des Internets – vor allem im Bereich der Bildung und Lehre – dadurch verändert hat, erfahren Sie im Interview.
e-LISA academy: Herr Prof. Baumgartner, wie definieren Sie Web 2.0?
Univ.-Prof. Dr. Peter Baumgartner: Die Schlagworte „Web 2.0“ und „Social Software“ charakterisieren eine grundlegend veränderte Nutzung des Internets. Waren es bei Web 1.0 Daten und Inhalte, die über Hyperlinks miteinander verknüpft wurden, sind es jetzt Menschen, die mit Hilfe von Social Software Anwendungen miteinander vernetzt sind. Im Vordergrund vom Web 2.0 steht also nicht mehr bloß die Übermittlung von Informationen, sondern ein kooperativer Austausch von Wissen und die gemeinsame Erzeugung von Inhalten.
Das Web 2.0 ist im Prinzip nicht Neues, das wirklich Hervorstreichenswerte im Web 2.0 sind die Social Software Anwendungen, die es den Menschen ermöglichen, das Web aktiv mitzugestalten, daran zu partizipieren und sich miteinander zu vernetzen. Manchmal wird unter der Bezeichnung „Social Software“ eine Kategorie von Software verstanden, die menschliche Interaktion und Zusammenarbeit unterstützt – diese Definition ist meiner Meinung nach zu weit gefasst, denn danach wären auch Gruppenkalender und Instant Messaging Programme Social Software. Das sind aber Programme, die es schon seit Jahren gibt. Ich verstehe unter Social Software Anwendungen, die Personen zueinander in Beziehung setzen, und zwar von „unten“ nach „oben“. Ausgehend von den eigenen Interessen hilft Social Software dabei, mit Personen, die ähnliche Vorlieben zu einem Thema haben, in Kontakt zu kommen.
Sehen Sie das Web 2.0 als Hype oder ist dieses Phänomen bereits in den Alltag integriert?
Als Pädagoge sehe ich das Web 2.0 als Hype, denn die Fähigkeiten, auf die es im Web 2.0 ankommt, Sozialkompetenz und die Fähigkeit, Inhalte aktiv und in kooperativen Lernsituationen zu erzeugen, sollten eigentlich bereits im Unterricht verankert sein. Im Zusammenhang mit Web 2.0 wird das Lernen jedoch viel zu oft von den jeweiligen Werkzeugen abhängig gemacht. Im Vordergrund stehen sollte aber vielmehr die soziale Komponente, die für Social Software Anwendungen erforderlich ist und dadurch auch besonders gefördert werden kann.
Web 2.0 und Schule – wo sehen Sie Einsatzmöglichkeiten von Web 2.0 im Unterricht?
Im Unterricht wird im Zusammenhang mit Web 2.0 sehr oft von Wikis und Weblogs gesprochen. Wikis und Weblogs, die nur für eine Klasse oder eine Schule zugänglich sind, kann man jedoch nicht als Web 2.0 bezeichnen, da es sich dabei um geschlossene, nur für bestimmte Teilnehmerinnen und Teilnehmer zugängliche Anwendungen handelt. An großen Bildungsinstitutionen mit zigtausenden Eingeschriebenen haben Anwendungen wie diese noch eher einen Web 2.0 Charakter und können durchaus eine wertvolle Unterstützungsmaßnahme sein. Lernende können damit Personen mit gleich gelagerten Interessen am ganzen (virtuellen) Campus – unabhängig von den gerade inskribierten Kursen – kontaktieren.
Im Unterricht oder im Rahmen von Seminararbeiten könnte als Social Software Anwendung z.B. das Programm CiteULike dazu verwendet werden, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die an Literatur zum gleichen Thema interessiert sind. Beim Arbeiten mit CiteULike wird nicht von einem zentralen Buch ausgegangen und in dessen Literaturliste nach anderen relevanten Büchern gesucht, sondern man sucht anhand einer Literaturreferenz nach Personen, die dieselbe Referenz angegeben haben und somit ähnlich gelagerte Interessen haben. Statt von Publikation zu Publikation, wird mit CiteULike von Publikation zu Person(en) recherchiert.
Mit CiteULike oder ähnlichen Programmen zu arbeiten ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn im Unterricht Recherchemethoden wie diese erlaubt sind und Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler an diese Methoden heranführen. Was Lehrkräften bei einer Recherche mit Social Software Anwendungen bewusst sein sollte, ist, dass vieles dabei nicht vorausgeplant werden kann, und die Lernenden dabei mit unbekannten Personen in Kontakt kommen können, die auch in den Bildungsprozess eintreten können.
Immer mehr Lehrkräfte verwenden Lernplattformen in ihrem Unterricht. Spielt das Web 2.0 auch hier eine Rolle?
Social Software Anwendungen werden in zunehmendem Maße auch in Lernplattformen integriert. Der Zugang zu diesen Anwendungen ist jedoch wiederum nur für eine Klasse oder eine Schule, sprich, nur für registrierte Nutzerinnen und Nutzer erlaubt. Im Unterricht mit Lernmanagementsystemen werden derzeit tendenziell mehr Wikis verwendet – wie bereits erwähnt, jedoch hauptsächlich klassen- oder schulinterne Wikis. Das Potential von Social Software, das vor allem darin liegt, mit Web-Usern aus der ganzen Welt in Kontakt zu treten, wird damit nicht wirklich genützt.
Der Einsatz von Weblogs im Unterricht ist noch nicht so gängig, dazu müsste man sich auch mehr öffnen, da man über die Track-back Funktion mit der Blogger-Sphere verknüpft ist.
Gibt es bereits Best-Practice Beispiele von gelungenem Unterricht unter der Verwendung von Social Software Anwendungen?
Meiner Meinung nach ist der soziale Gedanke von Web 2.0 Anwendungen in der Lehre noch nicht völlig verinnerlicht. Einer der Knackpunkte ist, dass es bei Web 2.0 Anwendungen nicht rein auf die technischen Werkzeuge ankommt, die leider so oft im Vordergrund stehen, sondern viel mehr auf die sozialen Kompetenzen, die man benötigt, um Social Software-Anwendungen sinnvoll einzusetzen.
Social Software würde sich im Unterricht zum Beispiel sehr gut für die überregionale Zusammenarbeit von Schulen bei Projekten oder im Fremdsprachenunterricht eignen.
Im Bereich der Unterrichtsvorbereitung denke ich zum Beispiel an die Gegenstandsportale von schule.at, die derzeit vor allem zum Herunterladen von Materialien und zum Verweisen auf bestimmte Internetseiten verwendet werden. Es wäre wünschenswert, hier in Richtung Community Building zu gehen, die Zusammenarbeit unter Lehrkräften mit Social Software Anwendungen zu unterstützen.
In wie fern ändert sich die LehrerInnen-Rolle beim Einsatz von Social Software Anwendungen im Unterricht?
Der Einsatz von Social Software im Unterricht bedeutet, den Klassenraum zu öffnen und die Schülerinnen und Schüler "in die virtuelle Welt" zu entlassen. Damit einher geht natürlich Kontrollverlust von Seiten der Lehrkraft, wie ich ihn bereits bei der Frage zu CiteULike beschrieben habe.
Die Lehrkraft wird beim Arbeiten mit dem Web 2.0 zum Coach, zum Lernbegleiter, der die Lernenden beim eigenständigen Arbeiten unterstützt. Eine wichtige Aufgabe der Lehrkräfte ist es, didaktische Settings zu generieren, die den Schülerinnen und Schülern die Kontaktaufnahme mit fremden Personen und das Eingehen von Kooperationen erleichtern. Natürlich kann es auf Seiten der SchülerInnen auch zu negativen Erfahrungen mit Social Software Anwendungen kommen. Es kann zum Beispiel zu Frustrationen führen, wenn es nicht gelingt, mit anderen Personen in Kontakt zu treten und Kooperationen einzugehen. Hier möchte ich vor allem die Methode des "Scaffolding" empfehlen. Man unterstützt die Lernenden dabei zu Beginn besonders, legt quasi Leitern für sie und lässt dann schrittweise diese Hilfestellungen wegfallen.
Als ich Wirtschaftspädagogik an der Uni Innsbruck lehrte, gab ich meinen Studierenden den Arbeitsauftrag, mit E-Learning Expertinnen und Experten Kontakt aufzunehmen – damals noch ohne Web 2.0. Die Studierenden mussten auf elektronischer Basis mit der Außenwelt in Kontakt treten. Ich hab sie anfänglich dabei unterstützt, Kontakte zu finden und sie dann schrittweise ins eigenständige Arbeiten entlassen.
Wie geht man als Lehrkraft mit Lernenden um, die bereits negative Erfahrungen mit E-Learning gemacht haben, Aussagen treffen wie „Die Lehrer haben beim E-Learning überhaupt nichts mehr zu tun!“?
Natürlich ändert sich beim E-Learning und beim Arbeiten mit Social Software Anwendungen auch die Rolle der Lernenden. Früher konnte man sich als SchülerIn natürlich öfters zurücklehnen, konnte sich im Frontalunterricht “berieseln“ lassen und musste weniger eigenständig arbeiten.
Das Wichtigste ist es, als Lehrkraft die Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt an das eigenständige Arbeiten heranzuführen, sie nicht zu über- aber auch nicht zu unterfordern. Das Lernen an sich kann man den SchülerInnen nicht abnehmen, lernen muss jeder für sich alleine. Denn Lernen ist nicht nur ein interaktiver, sondern vor allem ein aktiver Prozess. Die Aufgabe der Lehrkraft ist es, die Lernenden in diesem Prozess zu begleiten.
Wie können Lehrkräfte die für den Einsatz von Web 2.0 Anwendungen notwendigen Kompetenzen erwerben?
Dies wird leider in der LehrerInnenaus- und -weiterbildung noch viel zu wenig berücksichtigt. Im Vordergrund steht meist das Fachliche und nicht so sehr die sozialen Faktoren beim Lernen und Lehren, auf die es beim Einsatz von Social Software ankommt. Im technischen Bereich sollte man längerfristig vom Software-Lernen wegkommen, und sich eher darüber Gedanken machen, wie man die Software sinnvoll einsetzen kann. Hier gibt es noch viel Aufholbedarf.
An dieser Stelle möchte ich gerne auf den neuen Lehrgang der Donau Universität Krems verweisen: “eEducation“. Nähere Infos dazu finden Sie auf: www.donau-uni.ac.at/eeducation

Lehrgang eEducation an der Donau Universität Krems
Welche Gefahren können im Umgang mit dem Web 2.0 im Unterricht auftreten?
Viele Lernende sind sich nicht dessen bewusst, wie viele Spuren sie im Internet hinterlassen, dass so gut wie alle ihre Schritte – denn wer leert schon konsequent nach jedem Mal Surfen den „Verlauf“ –, alle ihre besuchten Seiten, die Beiträge die von ihnen in Foren verfasst wurden, etc. nachvollzogen und gelesen werden können. Nicht umsonst weiß Google ziemlich genau, was derzeit im Web passiert und vor allem, was im Web passieren wird. Das ist in so manchen Branchen viel Geld wert. Es können Tendenzen im Aktien-Bereich ziemlich genau vorhergesehen werden, es kann aber auch alles genau analysiert werden. Man kann im Internet anhand der Profile von Usern zum Beispiel nach einem 20-Jährigen mit schwarzen Haaren, mit bestimmten Interessensgebieten, der auf bestimmten Seiten surft, suchen. Das muss man den Schülerinnen und Schülern begreiflich machen. Dieses Thema würde sich beispielsweise hervorragend für ein Unterrichtsprojekt eignen. Bestimmte Aktionen oder ein Projekt im Internet durchzuführen und anschließend zu analysieren, welche Spuren man im Web hinterlassen hat ...
Zusätzlich zu diesen Datenschutz-Problemen ist es sehr wichtig, unter den Lernenden Bewusstsein zu schaffen, dass nicht jede Internet-Seite und jeder x-beliebige Beitrag von jedem User vertrauenswürdig und von Relevanz sind. Daher ist es sehr empfehlenswert, gemeinsam zu besprechen, wie man feststellen kann, wer für eine Seite verantwortlich ist und woran man erkennen kann, ob Seiten sich für wissenschaftliche Zwecke eignen (Wer steht im Impressum der Seite – eine Institution oder eine Privatperson? Wer verweist noch auf diese Seite? Wird die Seite öfters zitiert? Etc.).
In welche Richtung wird sich Ihrer Meinung nach das Web 2.0 weiterentwickeln?
Vermutlich wird man in Zukunft von der Tastatur abkommen und eher in Richtung Sprach- und Blickerkennung gehen. Es gibt ja jetzt bereits Tools, die piepsen, wenn jemand im Raum ist, der dieselben Interessen hat, wie ich ...
Im Software-Bereich wird vermutlich das ePortfolio, die „eierlegende Wollmilchsau“, in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen. ePortfolios lassen sich über sämtliche Social Software Anwendungen „drüberstülpen“ und sind daher sowohl im Schul- und Bildungsbereich als auch im Berufsleben sehr flexibel einsetzbar.
Verraten Sie uns zum Schluss Ihre Lieblings Web 2.0 Applikation?
Nicht mehr leben könnte ich ohne „Furl“ – eine Anwendung ähnlich wie del.icio.us. Ich habe dort rund 1000 Bookmarks gespeichert, auf die ich jederzeit zugreifen kann.
Mein Weblog ist natürlich auch sehr wichtig für mich. Zum „Spielen“ komme ich leider nur ganz selten.
Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führten Mag.a Angela Kohl und Mag. Alfred Peherstorfer
Bildquelle: Portrait Prof. Baumgartner: http://www.peter.baumgartner.name
(koa)
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