Medienerziehung ab dem Kindergarten? Oder: Warum wir die Entwicklungen des Internets nicht unterschätzen sollten ...
Eine pro_vocation von Martin Ebner
Web 2.0 in all seinen Ausformungen beginnt das Internet immer stärker zu prägen. Jugendliche tauschen Bilder über Flickr, sehen Videos auf YouTube an, kommunizieren über Skype und lesen in Wikipedia. Die Online-Welt wird immer mehr integraler Bestandteil des täglichen Lebens. Über die Auswirkungen auf den Bildungsbereich wird zwar vereinzelt diskutiert und geforscht, aber breitenwirksame Maßnahmen sind noch keine zu erkennen. Woran liegt das? Gibt es tatsächlich eine große Kluft zwischen Lehrenden und Lernenden in diesem Bereich?
Dieser Artikel soll zum Nachdenken und zur Diskussion über ein Thema einladen, das übermorgen Dimensionen annehmen kann, von denen wir heute noch träumen.
Am Anfang eine Frage: Welcher Lehrende kann heute noch von sich behaupten, dass mit hundertprozentiger Sicherheit kein Film seiner Stunde auf YouTube ist oder kein Bild seiner Präsentationen in der Datenbank von Flickr?
Täglich gelangen etwa 3 bis 5 Millionen Bilder auf die Online-Fotoplattform Flickr, und man geht davon aus, dass im Sommer 2008 die 3-Billionen-Grenze überschritten wird. Ähnliches zeigt sich mit der bekannten Videoplattform YouTube: Untersuchungen zufolge machen etwa 20 % des http-Verkehrs im Internet Videofilme dieser Datenbank aus (www.pcwelt.de/start/dsl_voip/online/news/84892).
Gut, könnte man sagen, aber was hat das mit Medienerziehung, Bildung, E-Learning usw. zu tun?
Dazu muss etwas ausgeholt werden: Warum laden viele Personen (hauptsächlich Jugendliche) Bilder auf Plattformen, warum schauen sie Videos? Aus einem sehr technischen Blickwinkel betrachtet, scheint es deswegen zu geschehen, da es nun tatsächlich „einfach“ geworden ist. Waren vor Jahren die Bandbreiten derart schlecht, dass es nur wirkliche Freaks durchführten, ist es heute kein Problem mehr, Daten über das Internet zu schicken. Weiters sind die Plattformen „alltagstauglich“ geworden, ein durchschnittlicher Internetnutzer findet sich also „schnell“ zurecht. Dies hat einerseits mit verbesserter Usability, andererseits auch mit verbesserter Internetkompetenz der User zu tun.
Und dazu kommt noch ein entscheidender dritter Punkt: Die Endgeräte der Benutzer können den Anforderungen standhalten. Mobiltelefone haben innerhalb von nicht einmal zehn Jahren eine Verbreitung erlangt, die kaum vorherzusehen war. In Österreich und auch in Deutschland gibt es bereits mehr Mobiltelefone als Einwohner – man gilt als Exot, wenn man keines besitzt (noch vor wenigen Jahren war es genau umgekehrt). Nun ist es aber so, dass Mobiltelefone (in Österreich auch liebevoll Handy genannt) nicht mehr ausschließlich zum Telefonieren da sind.
Eingebaute Kameras und MP3-Player gehören ebenfalls zum Standard. Damit ist aber nicht das Ende erreicht. Geräte, die zurzeit auf den Markt kommen (und man denke da nicht nur an das iPhone), sind bereits wieder viele Schritte weiter: Kameras mit Auflösungen von 5 Megapixel (wer braucht da noch eine Digicam?), WLAN (damit ist Surfen, E-Mailen usw. problemlos möglich), eingebautem GPS (also Navigation am Handy) bis hin zu fix eingebauten Schnittstellen zu Flickr, YouTube & Co. Nochmals zu betonen ist, dass diese Geräte bereits auf dem Markt sind, und man kann davon ausgehen, dass sie in naher Zukunft große Verbreitung finden und sich auch der Preis noch um einiges senken wird.
Nimmt man an, dass diese Prognose (sofern diese Beobachtung als Prognose bezeichnet werden kann) eintritt, wird augenscheinlich, welche Geräte Kinder von morgen besitzen und als völlig normal ansehen werden. Man ist also von einer Online-Publikation (egal ob Bild, Audio oder Video) genau genommen einen Knopfdruck entfernt. Die Frage, die sich aufdrängt: Ist sich dessen jeder bereits bewusst? Ich sehe oft erstaunte Gesichter, wenn ich dies vor Publikum mit einem von einem Mobilfunkbetreiber gekauften Mobiltelefon vorführe.
wangsläufig stellt sich jetzt die Frage, wie man mit dieser Situation umgehen soll; lässt man Jugendliche mit diesen Geräten allein oder sollte man sie gezielt einführen? Strikt abzulehnen ist meines Erachtens, ein Verbot der Benutzung innerhalb des Bildungswesens auszusprechen, à la „Wikipedia hat in der Schule nichts verloren“ oder „Videos von YouTube dürfen nicht verwendet werden“. Vielmehr sollten Schüler, Jugendliche aufgeklärt werden, welche Potenziale und Risken diese Medien in sich bergen. Ganz entscheidende Fragen werden heute noch viel zu stark in den Hintergrund gedrängt:
- Was geschieht mit den Daten, wenn sie online publiziert werden?
- Wo werden die Daten gespeichert?
- Wer hat darauf Zugriff?
- Wem gehören die Daten?
- Wann verletzt man die Privatsphäre?
- Welche Auswirkungen hat eine Online-Veröffentlichung?
- Welche Potenziale birgt es in sich?
- ...
Auszüge von Fragen, die sich immer mehr aufdrängen und die einer Beantwortung (nicht nur für Schülerinnen und Schüler) bedürfen. Der Umgang mit diesen Medien von technischer und ethischer Seite sollte einen größeren Platz in unserer Bildung finden. Daher auch die etwas provokative Überschrift „Medienerziehung ab dem Kindergarten?“. Meines Erachtens kann man nicht zu früh anfangen, denn Internet, Mobiltelefon & Co. sind heute Bestandteil des Lebensalltags unserer Kinder und aus diesem nicht mehr wegzudenken.
Das Projekt „One-Laptop-Per-Child“ (www.olpcaustria.org) steht bereits vor der Tür und wird Schulkinder von morgen mit vollwertigen Computern ausstatten und diese zu einem ubiquitären Gegenstand machen. Dies wird auch gewaltige Auswirkungen auf das Bildungssystem haben.Um es etwas abzurunden, abschließend ein netter Witz: Der 5-jährige Thomas fragt seinen Vater: „Papa, du sagst, das Internet gibt es noch nicht so lang. Wie habt ihr eigentlich davor eure E-Mails verschickt?“
Ob wir wollen oder nicht, das Internet beeinflusst entscheidend bereits die Welt von heute, und es ist allerhöchste Zeit, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen.
<