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Rolf Schulmeister: Gibt es eine „Net Generation“?

Rezension_Gibt_es_eine_Net_Generation_buchrezension_bra_Header.jpgNet Geners (und Net Genners), Digital Natives, Multitasker oder generation @ : So und ähnlich lauten die Bezeichnungen für eine Generation, die mit den Neuen Medien nicht nur aufgewachsen ist, sondern sich durch und über sie in allen Lebensbereichen zu definieren scheint, d.h. letztlich anders denkt als ältere Generationen. Doch gibt es die „Net Generation“ überhaupt? Rolf Schulmeister geht dieser Frage in einer Onlinepublikation auf sehr kritische Weise nach und versucht ein differenzierteres Bild heutiger Jugendlicher zu zeichnen als die Advokaten der „Net Generation“.

Im ersten Kapitel stellt der Autor die „Protagonisten der Netzgeneration“ anhand von neun zentralen Werken vor. Diese Einführung in „Net Generation(s)“ zeigt sowohl die Vielfalt als auch die Parallelität der Zugänge auf, die dem medial bekannten und wissenschaftlich umstrittenen Diskurs der digitalen Generation zugrunde liegen. Ausgehend davon, dass alle PropagandistInnen ihrer Net/Digital Generation bestimmte Charakteristika zuweisen, die es ermöglichen, eine gesamte Generation als distinkt von vorherigen zu verstehen, möchte ich kurz vier verschiedene Standpunkte erwähnen: Don Tapscotts „Growing Up Digital: The Rise of the Net Generation“ (1997) heroisiert „seine“ „Net Kids“ (so auch der Titel der deutschen Übersetzung). Einen pessimistischeren Zugang bietet Horst Opaschowskis „Generation @. Die Medienrevolution entlässt ihre Kinder: Leben im Informationszeitalter“ (1999), wenn er „das Gespenst der multiplen Persönlichkeiten“ und „die Identitätsproblematik“ fokussiert. Ganz im Kontrast zu diesen beiden Werken steht Claudia de Witts „Medienbildung für die Netz-Generation“ (2000), welche eine Net Generation als ambivalent begreift – also weder heroisiert noch verdammt. Viel Raum widmet Schulmeister dem viel zitierten „The Digital Natives“ (2001) von Marc Prensky. Dieser Text fällt auf – nicht zuletzt wegen der „aggressiven Rhetorik“, die Prensky an den Tag legt. Aber auch sein Exkurs in die Neurobiologie („[d]ie Beschäftigung mit dem Computer führe zu einer Adaption des Hirns“) in Verbindung mit Linguistik und Kulturwissenschaft erscheint vielen AutorInnen referenzwürdig. Das Besondere an Schulmeisters Herangehensweise an diese Werke ist, dass er Produktionsrahmen und AutorInnen kontextualisiert. So wird klar, dass manche Publikationen aus firmeninternen Interessen entstanden. Wissenschaftliche Fundiertheit steht daher oft im Hintergrund.

Im zweiten Kapitel behandelt Schulmeister die Generationsmetapher und stellt hinter die von Advokaten der Net Generation postulierten Generationenkonzepte ein großes Fragezeichen. Die Motivation, solche Konzepte als Schlagwörter zu verwenden, sieht er beispielsweise bei den Medien und Industrien, die Jugend als Zielgruppe vermarkten. Was dabei verloren geht, ist die Perspektive auf Diversität innerhalb sogenannter Generationen, was gerade bei pädagogisch-didaktischen Zwecken relevant wäre.

In den Kapiteln drei (Empirische Untersuchungen zur Mediennutzung), vier (Mediennutzung von Jugendlichen) und fünf (Mediennutzungsmotive) begibt sich Schulmeister auf eine Reise durch den Dschungel empirischer Studien zu Mediennutzung und NutzerInnenmotiven mit dem Ziel, Diversitäten und Trends unter Kindern und Jugendlichen herauszufiltern und so dem Verständnis einer homogenisierenden Net Generation-Metapher Fakten entgegenzubringen, die eine Hinterfragung dieses Konzepts zulassen. Wohlgemerkt sind alle diese Studien aufgrund verschiedenen Umfangs, Variablen, Methoden, Kategorien etc. nicht direkt miteinander vergleichbar. Als beispielhafte Untermauerung seiner Argumentation, jedoch unter genau definierten Regeln (wie folgt), schafft Schulmeister eine schlüssige Ausgangsform für seine Argumentation:

  1. Ich wählte, sofern möglich und existent, nur Daten und Datenreihen, die in ähnlicher Weise bei mehreren Untersuchungen auftreten (Übereinstimmung).
  2. Ich suchte nach Studien, deren Ergebnisse dem Trend, den ich auswählte, widersprechen (Widerspruch), um die Auswahl verwerfen zu können.
  3. Ich zog zum Vergleich Kriterien heran, die geeignet waren, die berichteten Daten zu triangulieren, z.B. Taschengeldausgaben oder Website-Frequentierung, die mit dem für die Untersuchungen gewählten theoretischen Hintergrund der Sozialisationstheorie in Einklang zu bringen sind.

Das Fazit zur Mediennutzung fällt so, genauso wie das zu Mediennutzungs-Motiven und den angeblichen Eigenschaften der Netzkinder, konträr zu den Prognosen und Attributen, die der Net Generation zugeschrieben werden, aus. Zusammenfassend lassen sich folgende Punkte herausstreichen:

  • Obwohl ein allgemeiner Anstieg der Mediennutzung (und Medienvielfalt) zu verzeichnen ist, stehen Computer und Internet keineswegs an erster Stelle bei Freizeitaktivitäten. Was Medien im Allgemeinen betrifft, so werden primär die klassischen Unterhaltungsmedien, wie Fernsehen, Film und – seit es MP3-Player gibt – Musik, genutzt.
  • Kinder und Jugendliche integrieren Medien in ihren Sozialisationsprozess und nutzen sie vorwiegend für soziale Aktivitäten, wie Kontakt zu Peers, und verhandeln so Identitäten.
  • Mediennutzung und Motivation sind abhängig von vielen Faktoren, wie der ethnischen und sozialen Herkunft, Alter, Gender etc.
  • Trotz steigender Medienkompetenzen sind Computer und Internet ins Lernen und ins Studium in Form von E-Learning nicht so weit akzeptiert und integriert, wie angenommen werden könnte.

Schulmeister schließt mit dem Satz, dass „neue Medien und ihre Abundanz lediglich in die eigene Lebenswelt inkorporiert werden, nicht aber die Einstellungen, Sehnsüchte und Wünsche prägen“. Diese Aussage stellt meiner Meinung nach einen nicht zu übersehenden Ausgangspunkt für die im Text anfangs postulierte Fragestellung dar, wie und ob Unterricht auf die Rolle von neuen Medien reagieren soll/kann. Auch wenn die These der Net Generation nun widerlegt scheint, so sollte Schulmeisters Conclusio Auswirkungen auf Curricula haben und gerade ein kritischer Umgang mit neuen Medien in Schulen integriert werden.

Link zu „Gibt es eine ‚Net Generation‛“?: http://www.izhd.uni-hamburg.de/pdfs/
Schulmeister_Netzgeneration.pdf

Bildquelle: http://www.flickr.com/photos/21577468
@N03/2430607548/

 

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