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Buchrezension: grown up digital

How the net generation is changing your world

Ein Buch von Don Tapscott

Rezension_grownupdigital_header_1243325501175667.jpgDie ‚Net Generation’ ist erwachsen geworden. Tapscott beleuchtet den selbstverständlichen Umgang dieser Generation mit digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien und zeigt, welchen Einfluss die daraus resultierenden Talente und Potenziale junger Menschen auf Arbeitswelt, Bildungsinstitutionen, Konsumgesellschaft, Familienalltag und Demokratie haben.

(bra) Tapscotts Ambitionen mit diesem auf einem 4 Millionen Dollar Forschungsprojekt basierenden Buch werden von Beginn an deutlich gemacht: Mit allen negativen Klischees  und Vorurteilen der jungen Generation gegenüber aufzuräumen und die innovativen Kompetenzen der ‚Net Generation’ als zukunftsweisend für eine unausweichliche progressive Veränderung der Gesellschaft darzustellen. Tapscott, selbst Kanadier, wählt das U.S.-amerikanische Generationenmodell – also die Generation der ‚Baby Boomers’ und ‚Generation X’ versus der ‚Net Generation’ –, um Konfliktpotenziale durch kollektiv erlebte historische Kontexte zu erklären (z.B. Beeinflusste die Nachkriegsgesellschaft das Erwachsenwerden durch andere Faktoren und Normen als die 90er Jahre?).

Was macht die ‚Net Generation’, also all jene, die zwischen 1977 und 1997 geboren wurden,  nun aus? Tapscott normiert 8 Charakteristika, die allesamt erklären sollen, wodurch sich diese Generation von jener ihrer Eltern unterscheidet und warum diese Generation dabei ist, Arbeitsalltag, Wirtschaft, Bildung, Familie und Gesellschaft zu verändern:

‚Net Geners’ …

  1. … sind freiheitsliebend: Der Wunsch nach Freiheit unterscheidet sich grundlegend von dem der Eltern, da beispielsweise Konsumfreiheit von der jüngeren Generation bereits als selbstverständliche Realität wahrgenommen wird. Entscheidungs- und Ausdrucksfreiheit stehen bei den ‚Net Geners’ ganz oben. So werden beispielsweise bei Jobs freie Arbeitszeiteinteilung und Ortsunabhängigkeit erwartet.

  2. … wollen Produkte und Medien, die sie konsumieren, nach eigenen Bedürfnissen anpassen (z.B. Wallpapers bei Handys)

  3. prüfen und überprüfen sehr genau die Produkte, Werbekampagnen und Verkaufspraktiken, die ihnen vorgesetzt werden, da das Internet diese Möglichkeit bietet.

  4. … legen Wert auf Integrität, Offenheit und Toleranz, auch im Bezug auf Unternehmen und die Produkte, die sie konsumieren (z.B. Trend zu sozial gerecht gefertigten Produkten).

  5. … haben ein hohes Bedürfnis nach Unterhaltung, auch was Job, Bildung und privaten Alltag betrifft.

  6. … legen den Fokus auf Zusammenarbeit und Beziehungen.

  7. … haben „need for speed“: Die hohe Geschwindigkeit, in der sie Kommunikation, Informationsbeschaffung und Multitasking bewältigen, wird auch von der Umwelt erwartet.

  8. … sind innovativ und identifizieren sich mit innovativen Unternehmen und Produkten.

Weiters geht Tapscott der Frage nach, wie und ob digitale Technologien das Gehirn der jungen Menschen beeinflussen. Damit stellt er sich einer länger währenden Debatte und somit den Aussagen vehementer GegnerInnen von Internet und Computerspielen. Hier argumentiert der Autor, dass immer selbstverständlicher werdende geistige Fähigkeiten wie das schnelle, filternde Lesen von Texten, schnelles geistiges Umschalten und zum richtigen Zeitpunkt fokussieren können, eben erst durch das Arbeiten mit dem Internet und Computerspielen erworben werden.

Den Einfluss der ‚Net Generation’ auf Bildungsinstitutionen sieht Tapscott ebenfalls als unausweichlich und propagiert den Umbruch alter rigider Strukturen. Dies bedeutet weg vom Frontalunterricht hin zu einer Pädagogik der Individualisierung durch interaktives Lernen. Wie dieses Szenario aussehen könnte und welcher Veränderungen es bedürfe (abgesehen von der Beschaffung der Infrastruktur), darauf wird in diesem doch sehr zentralen Kapitel nicht eingegangen. Hier verlässt sich der Autor (wie auch in anderen Kapiteln) auf die – stellenweise ins Polemische abgleitende – Aussagekraft seiner Beispiele und Zitate.

Im Kapitel über den Arbeitsmarkt streicht der Autor erneut seine 8 Normen der ‚Net Generation’ hervor, denn nur wenn diese Charakteristika verstanden, geschätzt und nutzbar gemacht werden, werden sich Unternehmen künftig weiter in eine profitable Richtung entwickeln können. Hier appelliert Tapscott vor allem an die Führungskräfte, ihre Positionen in traditionellen Unternehmensstrukturen zu überdenken und beispielsweise klassische Hierarchien aufzubrechen, lebenslanges Lernen zu ermöglichen und soziale Netzwerke wie z.B. Facebook in den Arbeitsalltag mit einzubeziehen.

Tapscott nimmt weiters Bezug auf die Einstellung der ‚Net Generation’ gegenüber Familie und Familienleben und kontrastiert dies mit jener der ‚Baby Boom’ Generation. Sein Fazit ist, dass die ältere Generation Freiheit nur im Ausbruch aus den Familien, in denen sie groß wurde, finden konnte, die ‚Net Geners’ jedoch genau innerhalb dieser Strukturen Freiheit erfahren. Sie lernten schon früh, das Familienleben mitzugestalten, wurden jedoch von ihren Eltern vor der gefährlichen Außenwelt geschützt. Das Internet erhöht den Freiheitsfaktor in den eigenen vier Wänden, wobei Tapscott gerade was die Gewährleistung der Sicherheit im Netz angeht, für die offene Kommunikation zwischen Eltern und Kindern plädiert.

Im letzten Teil von grown up digital geht Tapscott auf die Transformation von Gesellschaft durch die ‚Net Generation’ ein. Am Beispiel von Obamas Wahlkampf zeigt er, wie die Nutzbarmachung des Internet erstmals relevant für den Ausgang einer Wahlkampagne war und wie vor allem junge Menschen über das Internet mobilisiert werden konnten. Auffallend war hier vor allem das Bedürfnis nach Kollaboration im Wahlkampf. So wurden beispielsweise medial verbreitete Unwahrheiten über Obama von jungen Menschen aufgegriffen und in YouTube Videos richtiggestellt.

grown up digital verdeutlicht, wie sich Werte und Verhaltensweisen der ‚Net Generation’ auf die Gesellschaft auswirken und lässt auch junge Menschen mit Erfahrungsberichten und Zitaten zu Wort kommen. Jedoch ist Tapscotts Zugang bei vielen Punkten auch zu hinterfragen: So stellt der Generationsbegriff prinzipiell einen problematischen Zugang dar. Die sogenannte ‚Net Generation’ wird aus einem sehr eindimensionale Blickwinkel kreiert, denn Attribute wie ‚gebildet, westlich, kapitalistisch, jedoch auf Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit bedacht’ können nicht unreflektiert auf alle jungen Menschen umgelegt werden. Vor allem in Anbetracht eines Multi-Millionen Dollar Projekts wäre eine vielschichtigere Perspektive wünschenswert gewesen, wie z.B. das Miteinbeziehen von sozialer, ethnischer und religiöser Diversität. Tapscotts ‚Net Generation’ kann scheinbar gar nichts falsch machen. Und das gibt zu denken …

Tapscott, Don. Grown up digital: how the net generation is changing the world. McGraw Hill, 2009.

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