Vorwort
Willkommen beim Onlinekurs Leseerziehung!
„Ich lese gerne und oft – ein Buch nach dem anderen, wie Sie auch wahrscheinlich. Sonst würden Sie sich nicht dafür interessieren, wie man junge Menschen zum Lesen motivieren könnte. In der Auswahl meiner Lektüren bin ich nicht besonders wählerisch, mir kommen dicke, „klassische“ Familienromane des 19. Jahrhunderts genauso unter wie neueste Thriller à la Illuminati von Dan Brown. Die Nase rümpfe ich bloß vor allzu offensichtlicher Geschäftmacherei, wie sie im Genre des Groschenromans anzutreffen ist. Diese Titel sind, nebenbei bemerkt, auch nicht sonderlich interessant zu lesen, sondern erzeugen bei wiederholter Lektüre nur Langeweile. Ja, fesseln muss mich das, was ich da lese. Und sprechen muss man können über die Geschichte, die Thematik, die Figuren. Mir ist wichtig, dass das Buch meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertrifft und mich überrascht. Spannend und faszinierend ist meiner Meinung nach nicht gleichzusetzen mit kommerziell, und kommerziell ist nicht gleich schlecht, denn leben müssen wir alle von etwas. Ein Buch, das Leserinnen und Leser nicht in seinen Bann schlägt, muss ernsthaft um seine Daseinsberechtigung fürchten.
Mit meiner Lese-Euphorie scheine ich jedoch ziemlich alleine dazustehen vor den Burschen und Mädchen der nächsten Generation. Lesen wird oft als zu anstrengend empfunden. Warum sollte man auch seine Nase in Bücher stecken, wenn doch faszinierende Geschichten tagtäglich über den Bildschirm und die Kinoleinwand flimmern? Das Argument, dort wäre alles bloß ‚vorgekaut’, was in der Fantasie der Leserinnen und Leser reifen könnte, scheint nicht recht zu ziehen. Auch in Videospielen sind Bilder und Figuren vorgegeben, jedoch scheint hier die Interaktivität die Userinnen und User für diese Bevormundung zu entschädigen. Scheinbar haben sie alles unter Kontrolle, scheinbar haben sie die Macht.
So viel Macht über die Fantasie und Vorstellungskraft und damit auch über jedes kleine Detail einer Geschichte kann aber nirgendwo erreicht werden als beim Lesen. Zudem ist Lesen die zentrale Kulturtechnik, die heutzutage – dem Internet sei Dank – wichtiger ist denn je. Wer nicht liest, verschließt sich nicht nur der Kultur und den aufregenden neuen Welten der Literatur, sondern nabelt sich auch von profanen Alltagsfragen ab. Denn eine Bedienungsanleitung oder einen Anstellungsvertrag sollte man schon problemlos erfassen können, um im Berufsleben bestehen zu können.
Am Lesen kommt man also nicht vorbei – und das gilt es, den Jugendlichen zu vermitteln. Dafür gibt es kein Patentrezept, aber eine Menge Vorschläge. Einige davon finden Sie in diesem Onlinekurs, andere auf den zahllosen Webseiten, die Ihnen im Laufe des Kurses begegnen. Am wichtigsten ist aber wohl – wie so oft im Lehrberuf – eine ehrliche Begeisterung für die Sache, ein authentisches Engagement für das Buch. Denn nur so kann – frei nach Michael Ende – „Fantasien vor dem Nichts gerettet werden.“
Stephan Waba